Bunte Kostüme und traditionelle Tänze: ein Straßenfest in San Antonio de Pichincha

Sonntag, 07.06.2015

Meine Reise neigt sich nun leider dem Ende zu. Hier sind zum Schluss noch ein paar bunte Fotos von einem Straßenfest in San Antonio. Es war eine spannende Zeit in diesem kleinen aber sehr vielseitigen Land und nun fliege ich mit vielen Eindrücken und Erlebnissen im Gepäck wieder zurück nach Deutschland. Ich habe mich sehr gefreut, dass so viele Menschen in den letzten Wochen meine Seite besucht und meine Berichte verfolgt haben. Es hat mir riesigen Spaß bereitet, in diesem Blog über meine Erlebnisse und Eindrücke zu berichten. Nun wird es Zeit meine Masterarbeit zu schreiben und dabei meine Ergebnisse wissenschaftlich auszuwerten und zu reflektieren.

 

 

  

Ausflug aufs Land - Autofahrende Kinder und Meerschweinchen in der Suppe

Dienstag, 26.05.2015

Auf meiner Reise durch Ecuador habe ich schon viele Seiten des Landes kennenglernt. Erstaunlicherweise war mein Ausflug zu einer Dorfgemeinschaft in der Nähe des Vulkanes Cotopaxi wieder ein ganz neues Erlebnis. Zusammen mit meiner Professorin, die sich zurzeit ebenfalls für ihre Forschung in Ecuador aufhält, bin ich in den Norden gereist. Es ging zunächst zu dem Ort "Latacunga", der ganz in der Nähe des Vulkanes "Cotopaxi" liegt. Der beeindruckende Vulkan mit der schneebedeckten Spitze ist mit 5897 m der zweithöchste Berg Ecuadors und einer der höchsten Vulkane der Erde. Von "Latacunga" aus, kann man ihn gut sehen. Am nächsten Tag ging es mit dem Bus weiter zu einem kleinen Ort namens "Saquisilí", in dem es einen niedlichen Park mit Kirche und einen Markt gibt. Dort ist Sonntags immer sehr viel los. Verkäufer bieten laut rufend ihre Ware an -  von Früchten, Obst und Käse über Fleisch, Fisch bis hin zu Cds und Schuhen ist alles dabei. Die Dorfbewohner schlendern zwischen den Ständen entlang und verhandeln mit den Verkäufern, Hunde laufen herum, um etwas Essbares zu suchen, Kinder schreien und ein Mann mit Sombrero verkauft selbstgemachten Kaktussaft...Der Geruch von Fisch weht herüber, von der anderen Seite schallt Musik durch die offene Halle. An einer Ecke sitzen Frauen in indigener Kleidung (lange Röcke und ein Hut mit einer Pfauenfeder) auf dem Boden und sortieren selbstgezüchtete Zwiebeln und Maiskolben. Wir warten am Rand auf einen Studenten der Pluriversidad, der uns in sein Dorf mitnehmen will...Ein kleines Mädchen bleibt auf einmal vor uns stehen und ruft aufgeregt: " Schau mal Mama, die Frau da hat blaue Augen! Echte blaue Augen!" und zeigt mit dem Finger auf mich - etwas seltsam komme ich mir jetzt schon vor...Die Mutter lächelt mir zu und zieht ihr Kind an der Hand weiter zu einem Gemüsestand. Endlich haben wir den Studenten Mario gefunden und brechen mit seinem Auto auf Richtung Berge.

Bis zu seinem kleinen Dorf mitten in den Bergen müssen wir lange über holprige unbefestigte Strassen fahren. Es geht in Kurven hoch und wieder runter, immer weiter ins Landesinnere - der Vulkan mit seiner Schneespitze trohnt  majestätisch im Hintergrund; leider wird er die meiste Zeit von Wolken bedeckt. Auf rund 3800 Metern Höhe liegt die kleine Gemeinde, in der Student Mario aufgewachsen ist und heute mit seiner eigenen Familie auf einem kleinen Grundstück wohnt. Wir fahren an einem Lehmplatz in der Mitte des Dorfes vorbei, auf dem Jugendliche Fussball spielen und die älteren Leute am Rand im Schatten sitzen und zuschauen. Vorbei geht es an grasenden Lamas und umherirrenden Strassenhunden... Wir halten am Haus seines Vaters - mit ihm will Mario ein Interview für sein Kommunikationsstudium machen. Stolz führt uns sein Vater über das Grundstück, zeigt uns seine Felder und die Musikinstrumente. Hier habe man lange Zeit (und heute auch noch manchmal) mit bestimmten Musikrhytmen von einem Hügel zum nächsten kommuniziert. Auch Rauchzeichen würden heute noch genutzt, um den weit entfernten Nachbarn etwas mitzuteilen - zum Beispiel, dass Jemand gestorben ist...

 Danach werden wir bei Mario zum Mittagessen eingeladen, seine Frau hat Suppe gekocht. In meiner Schüssel schwimmen Kartoffeln und ein halbes Meerschweinchen...es sieht noch ganz roh aus und am Fuss kann man jede einzelne Kralle erkennen. Ich bleibe bei den Kartoffeln und gebe das Meerschweinchen zurück - der Sohn freut sich...Als ich nach einer Toilette frage, winkt mich der Jugendliche nach draussen - ich solle ins Auto steigen. Verwirrt nehme ich Platz - und dann setzt sich tatsächlich der 13-jährige Sohn ans Steuer und fährt ganz selbstverständlich los. Routiniert lenkt er das alte Auto über die holprigen Feldwege bis zum Haus seines Großvaters...Dort gibt es einen geschlossenen Raum mit etwas Wasser und einer Toilettenschüssel - ihre Toilette sei zurzeit kaputt, deshalb habe er mich hierhin gefahren, damit ich nicht aufs Feld gehen müsse... Auf dem Rückweg fährt er einhändig. Seine Großmutter hat ihm eine Schüssel Reis mit Früchten mitgegeben, aus der er während der Fahrt isst....Gegen frühen Nachmittag mache ich mich mit meiner Professorin wieder auf den Heimweg. Auf der 4-stündigen Busfahrt habe ich genug Zeit, um mir die Eindrücke des Tages durch den Kopf gehen zu lassen....

 

San Antonio de Pichincha - Eindrücke

Dienstag, 26.05.2015

Platzkampf und Discomusik - eine typische Busfahrt nach Quito

Donnerstag, 21.05.2015

Eine Busfahrt in die Innenstadt von Quito ist immer ein Erlebnis und vor allem eins - anstrengend! Jeden Tag pendel ich rund 1 1/2 Stunden von San Antonio de Pichincha nach Quito zur indigenen Universität "Pluriversidad Intercultural Amawtay Wasi". Zwischen 6 und 8 Uhr ist Rush Hour - dann fahren die Land- und Vorstadtbewohner zur Arbeit in die Hauptstadt. So quetschen sich alle in die Busse bis wirklich kein Zentimeter Platz mehr vorhanden ist. Angerempelt werden, eingequetscht sein oder eine Tasche im Gesicht haben, das ist dabei vollkommen normal - niemand beschwert sich darüber oder wird sauer...Wer also morgens später losfahren kann, nutzt diese Möglichkeit auch mit Sicherheit.

Ich nehme den Bus immer um 8 Uhr und bekomme so auch meistens einen Sitzplatz. Schnell habe ich herausgefunden, warum die Sitzplätze auf der rechten Seite immer als erstes besetzt sind - denn auf diesen Plätzen ist die meiste Zeit der Fahrt Schattenseite. Die Glücklichen, die zumindest auf der linken Seite einen Platz gefunden haben, werden während der Fahrt von der Sonne gebruzzelt. Auf der gesamten Fahrt läuft häufig die Lieblingsmusik des Fahrers in Dauerschleife - von Diskocharts bis Volksmusik war schon alles dabei. Die alten Dieselbusse schleppen sich dazu laut röhrend den Berg nach Quito hoch. Zunächst geht es vorbei an den trockenen, nur spärlich bewachsenen Bergen von San Antonio, im nächsten Ort steigen einige Senioren ein. Auf einen Sitzplatz brauchen sie nicht lange zu warten, sofort springt jemand auf, um Platz zu machen. Die Senioren bedanken sich dann meist sehr freundlich und bieten demjenigen im Gegenzug an, den Rucksack oder die Tasche solange auf den Schoß zu nehmen. Auch Müttern mit kleinen Kindern wird direkt ein Platz angeboten - und wenn etwas während der Fahrt frei werden sollte, bieten die Herren meistens erstmal den Damen an sich zu setzen. Auch ältere rüstige Senioren schauen sich zuerst um, ob nicht eine junge Frau einen Platz haben möchte. Da scheint der Machoismo noch stark in den Köpfen der Ecuadorianer verankert zu sein... Der Busfahrer fährt gerne auch mal ein kleines Wettrennen den Berg hoch - mit einem Kollegen einer anderen Buslinie. Vollbremsungen und lautes Hupen gehören zur Fahrt genauso dazu, wie Straßenverkäufer, die allerlei Lebensmittel an die Fahrgäste verkaufen. Ab und zu steigt auch mal ein Mann ein, der eine kleine Rede hält, um Geld für die Medikamente seines schwerkranken Bruders zu sammeln. Ein Junge, der über sein Leben auf der Straße rappt oder ein Musikverkäufer, der die Boxen total laut aufdreht, um seine Musik zu präsentieren - auch solche Leute begegnen mir häufig auf der Busfahrt...

Auf der Rückfahrt kommt man wohl oder übel immer in einen vollen Bus - vom frühen Nachmittag bis spät abends sind immer viele Leute unterwegs. Von Studenten, die nach der Arbeit noch zur Abendschule fahren, bis zu Arbeitern, die zu ihren Familien zurückkehren. Einen Sitzplatz zu ergattern ist da sehr schwierig...meistens steht man eng gequetscht zwischen den anderen Fahrgästen und versucht sich irgendwo an einer freien Stange festzuklammern. Fallen kann man ja eh nicht, da jeder Zentimeter Platz besetzt ist...Ruckartig fährt der Busfahrer immer wieder an, wenn es im Stau ein Stückchen weiter geht - mit angestrengtem Gesichtsausdruck versucht jeder sich an seinem Platz zu halten. Der Geldeinsammler quetscht sich laut rufend durch den Gang, um die 0,40 Dollarcent von den Neuzugestiegenen einzusammeln und die Aussteigenden zur Eile zu drängen. Kinder schreien, eine junge Frau schminkt sich zwischendrin in aller Seelenruhe, Schüler springen noch in letzter Minute in den anfanhrenden Bus mit geöffneten Türen....Später kommen noch Studenten dazu. Die jungen Männer bieten ihren Kommilitonen sofort einen Sitzplatz an - andere quetschen sich einfach zu viert auf zwei Plätze...Mädchen kichern, eine Gruppe junger Männer lässt vom Handy laut Musik durch den Bus schallen....Es ist halt eine ganz normale Busfahrt nach Quito... 

Buen Vivir/ Gutes Leben in der Theorie

Montag, 18.05.2015

Über das indigene Konzept "Buen Vivir"  (auf deutsch: Gutes Leben) gibt es sehr viel spanischsprachige Literatur im Internet. Da der Staat das Konzept 2008 in seine neue Verfassung aufgenommen hat, ist die öffentliche Diskussion seitdem sehr groß. Viele Politiker, Wissenschaftler und indigene Verbände haben Artikel zu dem Thema veröffentlicht, um Stellung zu dem indigenen Konzepten und dem Regierungsprojekt zu nehmen. So habe ich mich in den letzten Tagen durch die vielen Texte verschiedenster Autoren gewühlt, um mir einen Überblick zu verschaffen.

Nun zu den Ergebnissen meiner Literaturrecherche - kurz und vereinfacht. "Buen Vivir/ Gutes Leben" ist zunächst einmal nur eine ungefähre Übersetzung des indigenen Begriffes "Sumak Kawsay" ins Spanische (indigene Sprache: Kichwa). Der Begriff bezieht sich auf die Weltanschauung, die Lebensweise und Praktiken der indigenen Völker Ecuadors (und auch anderer lateinamerikanischer Völker). Es handelt sich dabei um jahrhundertealte Traditionen der verschiedenen indigenen Gemeinschaften Lateinamerikas, bis hin zur Zeit der Inkas.

 

Fotos: Todos los derechos reservados de amawtay_wasi

So kann man zusammenfassen, dass sich die Menschen als Teil der Natur, der "Mutter Erde", sehen (auf Kichwa: "Pachamama"). Sie möchten in Harmonie mit der Natur leben und betrachten sich nicht höherwertiger als Pflanzen oder Tiere. Zu einer harmonischen Lebensweise gehört unter anderem, dass nur saisonale Früchte und Gemüse gegessen werden und man sich an eine gesunde ausgewogene Ernährung hält. Eine Ausbeutung der Ressourcen kommt also nicht in Frage. Der übermäßige Konsum von Alkohol wird nicht gerne gesehen, jedoch können die Menschen mit einer kleineren Menge Alkohol den Kontakt zu den Vorfahren herstellen...Spiritualität ist für die Indigenen ebenfalls sehr wichtig. Nach ihrer Vorstellung steht im Kosmos alles miteinander in Verbindung. Gegensätze gleichen sich aus, sodass immer ein Gleichgewicht zwischen den Elementen herrscht....Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Leben in der Gemeinschaft - das Wohl der Gruppe steht an erster Stelle, individuelle Bedürfnisse müssen hinten anstehen. Außerdem arbeiten die Menschen einer Gemeinschaft immer zusammen an Projekten, jeder hilft jedem...Auch Feste organisieren sie zusammen, dabei sind verschiedene Gruppen jeweils für einen Sache verantwortlich. Die Traditionen, Rituale und Feste nehmen außerdem einen wichtigen Teil ein, weil sie die kulturelle Identität der jeweiligen Gruppe bzw. Gemeinschaft ausmachen...

Foto: Todos los derechos reservados de amawtay_wasi

In der Theorie hört sich das nach einem sehr traditionellen, naturnahen Lebensstil an. Wie das Leben in den indigenen Gemeinden in der Praxis bzw. im Alltag tatsächlich aussieht, möchte ich noch herausfinden...So stelle ich mir die Frage, ob sich eine solche Lebensweise in der heutigen Gesellschaft überhaupt noch konsequent umsetzen lässt? Es gibt in Ecuador sicherlich noch Gemeinschaften auf dem Land, die nach diesen alten Vorstellungen leben - gleichzeitig bleiben selbst die einsamsten Dörfer bestimmt nicht gänzlich von den Einflüssen der Globalisierung unberührt (Konsum, westliche Bildung und Orientierung, Abwanderung in die Städte, usw.)...

Herstellung von Zuckerrohrsaft - und Schnaps

Samstag, 16.05.2015

Heute hat die Familie meiner Gastgeberin gemeinsam Zuckerrohrsaft hergestellt und ich durfte dabei helfen. Zuerst haben die Männer die Zuckerrohrpflanzen im Garten abgeschnitten und in kleine Stücke gehackt. Mit einer Bürste und etwas Wasser wird das Zuckerrohr dann in einer Schubkarre gesäubert.

Danach müssen die Stücke noch mal mit der Machete halbiert werden, damit sie in die Maschine passen... 

   

...und dann wird dem Zuckerrohr in der Maschine der Saft ausgepresst. Sofort konnten alle das Ergebnis probieren - mit einem Schuss Zitrone und etwas Wasser wird der Saft am liebsten getrunken. Schmeckt süßlich, erfrischend! Später will die Grossmutter einen Teil des Saftes kochen und und zu einem starken Likör oder Rum fermentieren lassen - für das nächste Familienfest....

Das Ritual mit dem Ei!

Mittwoch, 13.05.2015

Der Glaube an die alternative Medizin ist in Ecuador nicht unüblich und daher habe ich schon nach kurzer Zeit eigene Erfahrungen mit einem Reinigungsritual machen dürfen. So hatte ich seit einer Woche Bauchschmerzen und eine Infektion - vermutlich eingefangen durch unsauberes Essen an der Küste. Dies bestätigte sich später auch nach einer Untersuchung beim Arzt im Nachbarort. Bevor wir uns aber auf den Weg zum Doktor machten, sollte ich mich noch schnell auf eine Bank im Garten setzen. Elizabeths Schwester kam mit einem rohen Ei in der Hand aus dem Haus und erklärte mir, dass sie jetzt mit dem Ei über meinen Körper fahre. Also ging sie mit dem Ei vom Kopf, über die Arme bis hin zu den Beinen. Am Bauch verweilte sie kurz mit dem Ei - hielt es ans Ohr, schüttelte es und sagte" Ahhh mal de aire!". "Mal de Aire" sei eine Krankheit, die man sich durch einen schlechten Wind oder einen bösen Geist einfange. Dann hielt sie mir das Ei vor die Nase, ich solle 3-mal draufspucken. Gesagt, getan - anschließend lief sie mit dem Ei ins Haus und zerschlug es in einer Wasserschüssel. Anhand der Formen konnte sie dann erkennen, dass ich eine Art bösen Geist im Bauch habe (soweit ich das richtig verstanden habe)... Durch das Reinigungsritual hätten sich die schlechten Kräfte aber auf das Ei übertragen und seien damit dem Körper entzogen worden. Danach gingen wir aber trotzdem noch zum Arzt ins nächste Dorf. Das Ritual diene der Reinigung und Diagnostik von Krankheiten, erklärte sie mir auf dem Weg dorthin. Vorher müsse der Ritualdurchführende aber bestimmte Kräuter essen, damit sich die Krankheit nicht auf ihn übertrage. Man könne es auch mit bestimmten Kräutern oder mit einem Meerschweinchen machen- mit dem Tier werde ebenfalls über den Körper "gefahren", danach schlachte man es und suche in den Eingeweiden nach Krankheitsanzeichen....Ich war heilfroh, dass ich Vorlieb mit dem Ei nehmen durfte...

Gegrillte Meerschweinchen zum Muttertag

Montag, 11.05.2015

Muttertag ist auch in Ecuador ein besonderer Tag und deshalb kamen am Sonntag einige Verwandte meiner Gastfamilie zu Besuch -  es wurde den ganzen Tag viel gegessen und erzählt. Bereits am Morgen waren alle früh aufgestanden, um das Mittagessen vorzubereiten. Die Großmutter suchte fünf Meerschweinchen aus dem Stall im Garten aus, um sie für das Essen zu schlachten. Normalerweise essen die Menschen auf dem Land eher weniger Fleisch und dafür mehr Gemüse, Reis und Mais. Auch in meiner Gastfamilie steht Fleisch eher selten auf dem Speiseplan - aber an einem besonderen Tag wie dem Muttertag, werden zur Feier des Tages auch mal ein paar selbstgezüchtete Meerschweinchen geschlachtet. Sie kommen auf einen Rundgrill und werden mindestens eine Stunde über der heißen Kohle gebraten, drehen muss man den Grill selber.

Jeder in der Familie hilft an so einem Tag bei den Vorbereitungen. "Hier wird niemand mit der Arbeit alleingelassen, jeder organisiert etwas und trägt etwas bei", erklärt mir Elizabeth, während wir gemeinsam Kerne für eine Salsa/ Sauce schälen, die man zu den gegrillten Meerschweinchen isst. Eine Schwester kommt mit ihrer Familie und zwei Hunden vorbei, abwechselnd drehen alle den Grill mit den Meerschweinchen, dabei wird geredet, gescherzt und gelacht (im Garten). "Das hier ist Buen Vivir!", sagt der Großvater zu mir, " viel Zeit mit der Familie verbringen, das Zusammensein genießen und in der Natur sein". Für den Nachmittag ist noch ein Ausflug aufs Land geplant - mit Picknick. Zuerst wird aber gemeinsam gegessen - zuerst bekommt der Großvater ein gegrilltes Meerschweinchen mitsamt Kopf und Zähnen (sieht etwas gruselig aus). Aus Höflichkeit probiere ich etwas - es schmeckt ähnlich wie Schwein, nur mit einem sehr ungewöhnlichen Beigeschmack - danach bleibe ich aber lieber beim Hühnchen...Nach dem Essen wird gemeinsam aufgeräumt.

Danach wollen alle einen Ausflug machen. Um zu einem Vulkankrater in der Nähe zu gelangen, quetschen wir uns in zwei Autos und fahren los in Richtung Berge. Auf der Straße ist viel los, die Geschäfte haben ganz normal geöffnet und viele Familien sind ebenfalls unterwegs, um einen Ausflug zu machen. Am Straßenrand bieten einige Restaurants gegrilltes Meerschweinchen an - Angestellte stehen am Straßenrand, winken die Gäste mit Fahnen heran und fächern damit gleichzeitig den Geruch von gegrilltem Fleisch in die geöffneten Fenster der vorbeifahrenden Autos. Oben angekommen laufen wir mit der ganzen Familie (inklusive Großeltern über 70 Jahre alt) zum Aussichtspunkt. Von dort können wir in den Krater des inzwischen inaktiven Vulkans gucken - in dem grünen Tal wohnt eine indigene Gemeinde. Nebelschwaden hängen im Tal und bewegen sich nur langsam vorwärts, sodass  immer nur Ausschnitte des Kraters zu sehen siind. Die Großmutter packt Eis am Stiel aus, wir machen Fotos und danach laufen wir ein Stück am Naturreservat entlang durch die Berge. Auf einer Wiese machen wir ein Picknick - Orangen aus dem Garten werden verteilt und Süßigkeiten gegessen. Im Hintergrund liegt ein hoher Berg, an den Hängen sind wilde Ziegen zu erkennen, ein paar wilde Hundewelpen toben über die Wiese..

Zurück in San Antonio versammeln sich alle wieder am Essenstisch, eine große Torte wird angeschnitten, mit roter Glausur und Muttertagsaufschrift. Dazu gibt es Kaffee und Tee, die Töchter schenken ihrer Mutter Blumen, die Kinder streunen durch das Haus......abgesehen vom gegrillten Meerschweinchen, schien es fast wie ein ganz normaler Muttertag in Deutschland....

Leben am Äquator, der Hälfte der Welt

Freitag, 08.05.2015

San Antonio de Pichincha liegt etwas unterhalb von Quito in den Bergen auf rund 2400 Metern Höhe, ungefähr 1 Stunde und 30 Minuten mit dem Bus von der Hauptstadt entfernt. Da durch diesen Ort die Äquatorlinie verläuft, ist San Antonio (de Pichincha) ein beliebter Ausflusgort für Touristen. Hier kann man sich auf eine markierte Linie stellen und befindet sich damit genau auf der Hälfte der Welt. Viele Tagestouristen kommen nach San Antonio, um Fotos auf der Äquatorlinie zu machen, in die Museen zu gehen oder das traditionelle Gericht "gegrilltes Meerschweinchen" zu probieren. Der Ort hat eine Hauptstrasse mit vielen kleinen Restaurants, Kiosken und Geschäften - einige größere Wohnhäuser befinden sich eher am Rand des Ortes, umringt von hohen Mauern. Auf einem solchen Grundstück  wohne ich nun für sechs Wochen bei einer Gastfamilie. Hier möchte ich am Alltag der Familie teilnehmen, mehr über ihre Kultur und Lebensweise erfahren und unter der Woche die indigene Universität "Pluriversidad Amawtay Wasi" in Quito besuchen.

Die Familie lebt auf einem großen Grundstück am Rande von San Antonio, urspünglich kommen sie aber aus Cuenca (weiter im Süden des Landes). Es gibt einen sehr großen Garten und drei kleinere Häuser, in denen die Großeltern und zwei ihrer erwachsenen Kinder wohnen - jeweils mit eigenen Kindern. In dem Garten pflanzen die Großeltern Gemüse und Obst jeglicher Art an, hauptsächlich für den Eigenbedarf und ganz ohne Chemikalien. Hinter dem Haus geht es steil ins Tal, dort befinden sich einige Felder und ein kleiner Fluss. Zur Familie gehören die Grosseltern, deren Muttersprache Kichwa ist und elf erwachsene Kinder (6 Brüder, 5 Schwestern) mit vielen Enkelkindern. Auf dem Grundstück wohnt auch meine Gastgeberin Elizabeth mit ihrem zweijährigen Sohn, ihren Eltern und einem ihrer Brüder. Außerdem gibt es acht Hunde, unzählige Katzen, Hühner und mindestens 40 Meerschweinchen - sie werden verkauft oder zu Festen gegessen. Vier Geschwister leben und arbeiten in den USA, zwei weitere wohnen in Spanien. Mindestens einmal im Jahr treffen sich aber alle Familienmitglieder bei den Großeltern und nur für diesen Anlass gibt es ein großes Haus mit vielen Gastzimmern. Den Rest des Jahres steht es meistes leer, allerdings kommt auch immer mal wieder eine Freundin oder Bekannte spontan zu Besuch und übernachtet dann dort.

Während die Großeltern die meiste Zeit des Tages in ihrem Gemüsegarten verbringen, arbeiten die beiden Kinder den ganzen Tag in der Hauptstadt -  auf den zweijährigen Sohn meiner Gastgeberin Elizabeth passt eine Schwester auf - dafür wird sie bezahlt. Elizabeth arbeitet den ganzen Tag in der indigenen Universität in Quito und kommt erst gegen 20 Uhr Abends nach Hause - eigentlich arbeitet sie nur 8 Stunden am Tag, allerdings benötigt sie für die Fahrt mit dem Bus in die Hauptstadt jeweils 1 Stunde und 30 Minuten. Viel Zeit für den Sohn bleibt da unter der Woche nicht...Da ich in der Pluriversidad eine Forschung für meine Abschlussarbeit mache, begleite ich sie unter der Woche immer nach Quito. Samstags wird das Haus geputzt und die Wäsche der Woche per Hand gewaschen. Sonntags kommen häufig Bekannte oder Verwandte zu Besuch und dann wird ausgeruht, erzählt und gegessen - oder ein Ausflug aufs Land gemacht....

 

1. Fazit nach 3 Wochen touristischer Rundreise

Dienstag, 05.05.2015

Meine Rundreise geht nun zu Ende, die nächsten sechs Wochen werde ich in den Anden bei einer Gastfamilie bleiben. Die Erfahrungen, die ich auf meiner Reise durch Ecuador gemacht habe, möchte hier einmal kurz zusammenfassen.  

Als Urlaubsland ist Ecuador den meisten Deutschen eher unbekannt, aber ich finde, dass es eine Reise auf jeden Fall Wert ist! Es ist zwar ein kleines Land, aber dafür hat es eine große Vielfalt an Kulturen und Landschaften. Man könnte sagen, dass Ecuador aus vier verschiedenen Welten besteht - also der Sierra im Landesinneren (Andengebiet), dem tropischen Amazonasgebiet im Osten (el Oriente), der Küste im Westen (la Costa) und den Galapagosinseln im Pazifik. Mit einer Landesfläche von 280.000 km2 ist Ecuador ungefähr so groß wie Westdeutschland.

Somit sind die Entfernungen nicht allzu weit und man kann eine Rundreise auch sehr gut mit dem Bus unternehmen. Die Preise für die Busfahrten sind für Europäer sehr erschwinglich - man bezahlt ungefähr 1,50 $ für 1 Stunde Fahrt. Die meisten Busse sind klimatisiert und die Fahrer machen zwischendurch auch mal eine Pause an einer Raststätte, an der man gegrillte Fleischspieße, Süßigkeiten oder andere Lebensmittel kaufen kann. Auf den hochfrequentierten Strecken zwischen Quito <-> Tena und Quito <-> Guayaquil steigen zwischendurch auch viele Straßenverkäufer ein und aus, die verschiedenste Dinge verkaufen. Damit steigt allerdings auch das Risiko, von spezialisierten Dieben beklaut zu werden. Deshalb sollte man sein Handgepäck während der Fahrt nie aus den Augen lassen und am besten immer auf dem Schoß behalten. Ich habe auf der Reise ein Pärchen aus Stuttgart kennengelernt, denen die Taschen auf der Fahrt nach Guayaquil aufgeschlitzt wurden (Taschen lagen auf dem Boden zwischen den Füßen), ohne dass sie irgendetwas bemerkt haben - dabei ist sie Polizistin und bezüglich Diebstähle sensibilisiert. Glücklicherweise konnten die Diebe nichts Wertvolles stehlen (nur eine Kappe und Souvenirs).

Selbstverständlich sind nicht überall Diebe unterwegs - man muss einfach beachten, dass in Großstädten die Kriminalität höher ist, als auf dem Land oder in kleineren Orten. In Quito und Guayaquil sollte man also die Wertsachen am besten immer im Hotelsafe lassen und nur ein paar Dollar mitnehmen - mehr ist auch nicht nötig, da man eh nur wenig Geld für die alltäglichen Dinge braucht. Die Preise für Speisen und Getränke oder auch Eintrittspreise in Museen oder Kirchen sind sehr günstig - meist zahlt man nicht mehr als 2 Dollar für die Besichtigung einer Sehenswürdigkeit und ein Mittagsmenü in den einheimischen Restaurants bekommt man für 3 bis 4 Dollar (große Portion mit viel Fleisch!). Wer einen sensiblen Magen hat, sollte an der Küste etwas vorsichtig mit rohem Gemüse und Salat sein. Denn dort sind die hygienischen Bedingungen nicht so gut wie im Rest des Landes und man fängt sich schnell einen Darmvirus ein (Erfahrung leider selbst gemacht). Ansonsten kann man sich aber sehr gut durch die einheimische Küche durchprobieren und einige interessante kulinarische Erfahrungen machen. Neben viel Reis und Mais essen die Ecuadorianer auch gerne Linsen in einer bräunlichen Sauce. In den Städten wird fast jedes Gericht mit sehr viel Fleisch angeboten - vor allem mit Hühnchenfleisch. Beinahe jedes zweite Restaurant heißt "Pollo oder Superpollo" (Pollo = Huhn) und die angebotenen Portionen sind so groß, dass man alleine kaum alles aufessen kann. An der Küste wird mehr Fisch angeboten, es gibt zum Beispiel "Cheviches", also Suppen mit Fisch oder Garnelen, oder "Trucha", ein gegrillter oder frittierter Fisch - ebenfalls für nur 4 bis 5 Dollar mit Beilagen. Viele Ecuadorianer essen dreimal täglich eine warme Mahlzeit, zum Frühstück gibt es häufig gestampfte Yucca oder Kochbananen kombiniert mit Rührei - manchmal sogar auch schon frittiertes Fleisch. Kaffee trinkt man auch ab und zu ganz gerne, allerdings kennen die meisten nur den Pulverkaffee, den man mit Wasser oder Milch anrührt. Die frischgepressten Fruchtshakes sind im ganzen Land beliebt, man kann sie an fast jeder Straßenecke kaufen - hier sollte man nur darauf achten, dass die Eiswürfel aus einer gekauften Verpackung stammen und nicht selbstgemacht sind. Alkoholische Getränke gibt es natürlich auch - Wein eher weniger, aber dafür Bier (es gibt meist nur zwei Sorten: Pilsener und Club) und auch Cocktails. Viele Jugendliche kaufen sich zum Feiern billigen Rum für weniger als 3 Dollar in einem Kiosk an der Straße und mischen ihn mit Cola oder Sprite. 

Die meisten Ecuadorianer sind gegenüber Touristen sehr gastfreundlich und aufgeschlossen. Da es in Ecuador in vielen Teilen des Landes noch nicht so touristisch ist (glücklicherweise!), wird man von den Menschen sehr freundlich und liebevoll (in den Hotels oder auch im Taxi) empfangen. Viele Ecuadorianer sind sehr interessiert an den Touristen und fragen häufig, wie einem das Land gefällt und wie lange man bleibt - auch um ins Gespräch zu kommen. Allerdings kommt man deshalb auch in vielen Teilen des Landes ohne Spanischkentnisse nicht sehr weit. Selbst in Hotels in der Hauptstadt sprechen viele Angestellte kein Englisch und in den Kiosken oder Restaurants sollte man auf Spanisch bestellen können. In manchen Restaurants gibt es jedoch auch Bilder vom Essen und so kann man zur Not draufzeigen. Viele Einheimische helfen einem gerne weiter und wenn man ihnen ein Lächeln schenkt, kommt schnell eins zurück. In den touristschen Ecken, wie Baños oder Quito zahlen Touristen allerdings meistens deutlich mehr für Essen, Dienstleistungen oder Souvenirs  als Einheimische. Denn viele gehen davon aus, dass Europäer oder Amerikaner deutlich mehr Geld verdienen und sehr reich sind. Die Arbeitseinstellung ist in Ecuador auch etwas anders als in Europa - soweit ich beobachten konnte, arbeiten die Ecuadorianer deutlich länger aber dafür langsamer und mit vielen Pausen. Es geht alles etwas entspannter und lockerer zu, häufig muss man im Restaurant viel länger auf sein Essen warten als in Europa. Es kommt auch mal vor, dass es einige Gerichte auf der Karte tageweise nicht gibt, da Zutaten fehlen oder der Koch während der Zubereitung des Essens kurz in den Laden auf der anderen Straßenseite läuft, um noch fehlende Zutaten einzukaufen. Hetzen oder sich beschweren kommt nicht so gut an, man sollte sich einfach dem Rhytmus der Menschen anpassen und alles etwas lockerer nehmen - dann kann man sich auf die Kultur und die Menschen einlassen und die Reise und Eindrücke entspannt geniessen....

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